Worte

die ich schrieb

Anleitung zum Streit

Anleitung zum Streit

Es streitet sich besonders gut,
wenn die Vernunft einstweilen ruht.
Der Geist geht stiften,
das Ego mitnichten.

Dieses sich zu Nutz zu machen,
gibt dem Streithahn gut zu lachen.
Doch wie es angeh´n, ist die Frage,
damit den Sieg davon er trage?

Bekannt ist eine Hypothese,
wonach des Streits Erfolgsgenese
nicht ein leidenschaftlich´s Fechten
noch das Einklagen von Rechten

sei.
Ei.

Interessanter wird´s indes
durch emotional erzeugten Stress.
Am Besten geht´s, wenn gut bekannt,
wo sich der and´re fühlt verkannt.

Diese Wunde eignet sich
für den Affront ganz einträglich.
Auch durch gekonntes Missverstehen
blieb Zweisamkeit noch selten schön.

Und wenn man klug durchdacht
an der falschen Stelle lacht,
geht dies dem andern an die Nieren.
Ein Streit wird köstlich eskalieren!

Harmonie wird flugs vergehn,
bleibt man auf ´nem Standpunkt stehen,
der mit der Sache nichts zu tun hat.
Und der Gegner geht Schachmatt!

Denn ist der and´re erst verwirrt,
unterstellt sich´s leicht, er hätt geirrt.
Er wird fuchsteufelswilde werden,
und jede Konstruktivität gefährden,

die zu bewahren er geschworen.
Dem Guten wird der Pelz geschoren…
Er wird zu Mitteln hingezogen,
um die „Kultur“ ihn hätt betrogen.

(Kultur beim Streiten??
Aus welchen Breiten
stammt dieser Unsinn überhaupt?
Streitkultur ist echt verstaubt!

Das Gezähn wird präsentiert
und der and´re malträtiert.
Bis auf´s Blute wird gestritten,
gelogen, verdreht und zugeritten.

Ist der Widersacher so erzürnt,
wird weiter auf ihn eingestürmt.
Verletzung wird ihm unterstellt,
der man stets zum Opfer fällt.

Und überhaupt ist Opfertum
fürs Gewinnen opportun.
So wird der Gegner durchgemangelt
bis es ihm an Würde mangelt.

Jetzt ist er gänzlich außer sich,
die Fassung gesprungen – lächerlich.
Diesem scherbenreichen Haufen
lässt sich leicht der Schneid abkaufen.

Doch Obacht Freunde, denket klug:
Wer Streit noch selten gut vertrug,
sollte lieber seine Hand von lassen.
Denn mit Streit ist nicht zu spaßen.

Streit ist wie ein Nagetier.
Aus einem werden schnell mal vier.

(Ulrike Kapfer)

Ruhestätte

Ruhestätte

Wasser: ist gut für die Nieren.
Ich trink Wein: ist gut gegen´s Frieren.
Mein Hirn schlägt dolle Blasen,
bald lieg ich unter´m Rasen.

Dies nun immerhin verspricht,
die Ruh, auf die ich bin erpicht.
Mir macht des Alltags Lärmen
Fisimatenten in den Därmen.

Aber in der dunklen Erde unten
wie wär´das alles da verschwunden!
Hach!
Sei die Grasnarbe mein Dach.

….

Nun lieg´ich in der Erde Arm,
Ruhe herrscht in meinem Darm.
Ruhe herrscht um mich hiennieden
ist´s hier doch göttlich abgeschieden.

Doch Momentchen – was ist das?!
Um mich herum passiert etwas…

Ich dreh mein Aug´so gut es geht,
und erblick´- nun ist´s zu spät –
ein Durcheinander erster Güte.
Ein Chaos, und in voller Blüte!

Dort buddeln die Würmer.
Herr Käfer, einst Stürmer,
rennt über sie hinweg
und wirft mit einem Schippchen Dreck.
Ein Regenwurm nicht schlecht pompös,
wirft zurück mit viel Getös´.
Jetzt engagiert Herr Maulwurf sich,
und schmeißt mit Kot ganz liederlich.
Ne Bande Ameisen, wie dreist,
weiß, wie man Retoure scheißt.
Ne Spinne, mit Kokon bewaffnet,
schmeißt die Fliege, die entsaftet,
innerhalb des Ballens gärt,
der jetzt durch das Erdreich fährt.
Der klebt alsbald so voller Dreck,
dass gleich ne halbbesoffn´e Zeck
mit blutigsamt´ner Stimme lallt:
„Halt!
Im Namen des Gesetzes!
Du hier, außerhalb des Netzes?!
Spinne, fort mit Dir, und pronto!
Sonst geht Dein Sterben auf mein Konto!“
Und während dies sie bröcklig lallt
ein Schrei durch´s düst´re Erdreich hallt.
Der Blindschleich ist´s nämlich genug.
Sie beend´nun rasch den Spuk.
Lässt den Boden wild erschüttern,
dass die Raudis furchtbar zittern,
und sich aus dem Staube machen.
Es ist doch wahrlich echt zum Lachen!

So kann ich nicht mal hier,
bei diesem albernen Getier,
in Ruhe meine Seele baden,
oder gar die Akkus laden.

„Ende
Gelände.“

(Ulrike Kapfer)

Beatsteaks vs Hippieschläger

25.08.2018

Ständig begegnen mir Leute, deren Frustfratzen in die Welt hinausschreien, dass andere verdammt nochmal verantwortlich sind für die Niederlagen Ihres Lebens. Diese Sorte Selbstaufgabe löst ganz offenbar eine ohnmächtige Verzweiflung aus, die selbst die täglich aufgefrischte Alkoholkonservierung durchschimmelt, in jedem Fall aber das Resthirn weichkocht und zu gräulicher Blubbermasse vergären lässt. Und einsfixzwei rappelt sich ein neugeborener, hypergewaltbereiter Zombie auf, sein verkümmertes Leben zu rächen. Aber Zombies haben spätestens nach der 6. Staffel The Walking Dead kapiert, dass man das besser nicht alleine macht, sonst kommt man nicht so weit. Also finden sie andere ihrer Sorte. Und es gibt immer mehr von ihnen. Wie viele, war mir bis zum vergangenen Wochenende nicht bewusst.

Die Beatsteaks in der Wuhlheide. Es war fantastisch! Was für eine Band, was für ein Publikum – Wahnsinn. Ein Fest!

Wir danach mit postorgasmischem Grinsen in die S-Bahn Richtung Mitte, dann Berlin HBF – umsteigen in die Regionalbahn nach Potsdam.

Auf der Treppe hinauf ins obere Abteil lungert ein Mittzwanziger zwischen Bierflaschen, deren Bekanntschaft er offensichtlich schon in vollen Zügen genossen hat. Seine Sitzposition – der Kopf hängt etwa auf Höhe seines Gemächts – ermöglicht ihm maximale Nähe zu seiner aktuellen Maurerbrause, die gerade seinen Schritt kühlt.
Irgendein Vogel aus der Gruppe seiner grölenden Bekannten, die hinter ihm auf den Sitzen lümmeln, erheitert sich daran, den Gebeugten in irritierend beharrlicher Weise mit Bier zu bespritzen.

Mein Bauch sendet ersten zarten Alarm.

Will ich mir das antun, was da gerade an zwischenmenschlichem Abriss ins Rollen kommt? Ich denke – und es wird nicht das einzige Mal bleiben in dieser Nacht: Oh je. Die armen Schaffner.

Dann: Ein Klingeln. Lebenszeichen beim Gebeugten, er zieht ein Handy aus der Hose und geht ran. Man hört, wie sich etwas Schrilles aus dem Telefon befreit.

Der Minimalalarm putzt sich zu einem Baby-Tinitus heraus.

Der Gebeugte sagt – nicht mehr ganz Herr seiner Artikulationsorgane – zu, wirklich demnächst zu Hause zu sein, er klingt kleinlaut.
Dieses Schrille, das da gerade aus dem Telefon ins Abteil geflossen ist, hat etwas geweckt. Ich fühle es, weil es mir immer schwerer fällt, mich auf das Beatsteakserlebnis zu konzentrieren.
Er erhebt sich, lotet die eigene Längsachse aus, dreht sich zu dem Typen um, der ihn mit Bier parfümiert hat, und scheint Bedrohliches zu äußern. Ich kann nur die beschwichtigenden Repliken des Bierspritzers hören.
Die anderen Kumpane mischen sich ein. Eine junge Frau bietet lallend eine brennende Friedenszigarette an.

Jesses, denke ich wieder, die armen Schaffner.

Mir wird schlecht vom Zigarettenqualm. Ich habe keinen Mumm, mich mit diesen Besoffenen anzulegen. Chuck Norris wäre jetzt cool. Der würde hoch ins Abteil schlendern, das Mädel mit einem tiefen Blick in ihre glasigen Augen und einem überirdisch überlegenen Lächeln hypnotisieren, ihr entspannt die Zigarette aus der Hand pflücken, sie in dem Bier des Spritzers löschen, jedem einen Todesblick schenken und wieder gehen. Die ganze Gruppe würde sich ordentlich hinsetzen, später ihren Müll mitnehmen, und sich zu Hause in Muttis Arme verkriechen. Ich bin leider nur ich, verziehe mich ins untere Abteil auf die andere Seite und versuche, wieder an die Beatsteaks zu denken.

Dann plötzlich Aufruhr. Mehrere Typen kommen nach unten in den Türbereich. Einer blutet stark am Kopf.

Alarmstufe rot.

Es wird geschubst und gepöbelt, zwei marokkanisch aussehende Teenager wollen dem Verletzten helfen, bieten Taschentücher an, und ich denke, oh shit, hoffentlich sind die Schläger jetzt nicht auch noch fremdenfeindlich, mache mich aber bereit, gegebenenfalls doch noch einzuschreiten. Irgendein Bahnreisender ist derweil so geistesgegenwärtig, die Polizei und einen Krankenwagen zu rufen. Die Jungs mit den Taschentüchern helfen und bleiben dabei unversehrt. Fast bin ich überrascht, und mich überkommt  beinahe noch ein wenig Sympathie für die Prügelbrüder. In Wannsee wird der Zug stehen bleiben, bis Polizei und RTW da sind. Ich will nur noch nach Hause.

Wir hechten zur S-Bahn. Mit uns steigen ein Mann und dessen Freundin ein. Beide haben vollbepackte Räder dabei. Es ist mittlerweile etwa halb eins. Alle Plätze im Fahrradabteil sind besetzt von Leuten im geeigneten Alter für eine ausgebuffte Midlifecrisis, und ohne Fahrrad. Dafür tragen sie aber Hippie-Kostüme und Perücken und haben so viel Alkohol im Blut, dass man aus ihrem Atem biozertifizierte Waffen häkeln könnte. Sie waren beim „Zug der Liebe“, wie man erfahren darf, obwohl sie eher so aussehen, als hätte Thomas Kuhn sie mit seiner Liebe überrollt.

Jedenfalls, der Mann bittet ganz höflich darum, ob man für sein Rad und das seiner Freundin bitte Platz machen könne.
Die Plastehippies starren ihn herausfordernd an.

Ich bin irritiert. Aufgeschreckt. Müsste da nicht irgendeine verbale Reaktion kommen? Sowas wie „Hey, na klar! Ist ja n Fahrradabteil. Peace!“ Immerhin war das hier die Mission des diesjährigen Zugs der Liebe:

Wir stiften junge Menschen dazu an, neue Wege für sich zu erkennen, wollen eine Vision vermitteln, wie Füreinander einstehen, mehr Verständnis für andere, und gegenseitige Rücksichtnahme, letztlich uns alle voneinander profitieren lässt. Wir glauben daran, dass alles Gute, dass man anderen angedeihen lässt, wieder zu einem zurückkommt.

Gut, es ist von „jungen Menschen“ die Rede. Vielleicht versteht man die Sprache der Liebe nur, wenn man jung ist. Oder wenigstens ein echter Hippie.

Der Radler – ganz eindeutig auch verwirrt, ob des seltsamen Benehmens dieser Leute – bittet noch einmal und diesmal ganz ohne zu Nuscheln.
Ein UV-gegerbtes Ledergesicht, in dem man Reste weiblicher Ausprägung erkennen kann, fühlt sich nun doch bemüßigt, kraftvoll vorzupreschen und die Stimmung einzunorden. „Wat willstn Du Penner von uns? Wir stehn doch nich für Dein Scheiß Fahrrad uff jetze!“

Der „Zug der Liebe“ fährt gerade mit Volldampf in einen dunklen Tunnel.

Man spürt förmlich, wie sich die anderen Love-Lover dieser eisigen Böe entsprechend ausrichten. Erleichtert, nach einem anstrengenden Tag zelebrierter Liebe endlich ausatmen und diesen ganzen überschätzten Gefühlsschwachsinn ohne jeglichen inneren Nachhall direkt vergessen zu können.

Der Mann will bereits in diesem Stadium deeskalieren. „Hören Sie, wir kommen gerade von der Ostsee“, sagt er, „wir sind müde, meine Freundin hat Fieber, wir haben extra ein Fahrradabteil ausgesucht. Wir wollen einfach nur unsere Fahrräder abstellen und uns setzen. Sie müssten nur 2, 3 Meter weiter gehen, bitte. Da sind doch Plätze für Sie frei.“

Seine Freundin, die in der Tat den Blässecontest gegen Graf Dracula gewinnen würde, schaltet sich ein, auch sie freundlich, aber doch dieses Quäntchen zu selbstbewusst für die Sorte Kontrahenten, mit der sie es zu tun hat. Sie zündet einen Funken, der den Blutalkohol der blumenbewehrten Besetzer erst so richtig zum Kochen bringt.
Wortbrocken machen sich wie Kotzkrümel auf den Weg aus ihren Mündern, surfen kakophonisch über die Wellen ihres Spritodems hinein in das Abteil. Ich kann es nicht fassen. Von 0 auf 100 in 2 Sekunden.

Ein Hippie mit dunkler Lockenperücke und dicker Yuppiebrille, im Arm eine Frau, Modell Verwaltungsangestellte, die guckt wie eine Heckenschere und vermutlich gar nichts mehr mitkriegt, fährt am lautesten auf „Du Drecksalternativer mit Deiner hässlichen Freundin verpiss Dich jetzt, sonst gibt´s hier was!“ droht er und verbittet sich anschließend noch das Du. „Du siezt mich gefälligst!“
Der Ostseereisende schüttelt fassungslos den Kopf und winkt ab, hält fortan den Mund geschlossen und sein Fahrrad fest.

Die Fiebernde dagegen kommt jetzt in Fahrt, stellt ruhig und souverän Fragen, die besonders Ledergesicht herausfordern. Die erkennt Zusammenhänge, die jeden ansatzweise intelligenten Menschen aus dem Konzept bringen müssen.
Bsp: Die Radlerin „Das hier IST ein Fahrradabteil. Könnte ich jetzt bitte mein Fahrrad hier abstellen!?“
Ledergesicht „Du dumme Alternative hast ja noch nicht mal die Mauer erlebt.“
Chapeau! Die Synapse zu finden, die das verknüpft hat, da braucht man schon einen Nobelpreis in Kommunikationstherapie.

Ich schalte mich ein und spreche beschwichtigend eine der anderen Hippie-Frauen an. Die gärt scheinbar schlimm hinter der Sehleiste, jedenfalls glaubt sie, ich sei ein Hund und befiehlt „Du: hock Dich hin!“
Ich gebe nicht auf, versuche es noch einmal. Jetzt gebietet sie: „Du – hinhocken!“. Mon Dieu, was ist da heute passiert beim Zug der Liebe? Ich beuge mich zu ihr, in der Hoffnung, dass sie aus nächster Nähe vielleicht doch noch erkennt, dass ich kein Hund bin und sage langsam und deutlich: „Man muss nicht einmal des Lesens mächtig sein – da sind Kennzeichnungen. Das ist ein Fahrradabteil. Soll ich Ihnen vielleicht zu einem anderen Sitzplatz helfen?“
Sie hält dagegen, diese Zeichen würden gar nichts sagen, sie wisse das, denn sie fahre seit Jahren jeden Tag mit dem Zug nach Berlin.
OK? Dann – ähm – schlage ich ab sofort jeden Tag meinen Sohn, und wenn mich einer deshalb fragt, sage ich „Das ist genau richtig so, weil nämlich, ich mache das schon seit Jahren, also halt die Fresse!“ Oder was?!

Locke brüllt inzwischen der Radlerin zu, sie müsse erst mal seinen Interlekt haben, um überhaupt mit ihm reden zu dürfen. „Bevor Ihr nicht meinen Interlekt habt, steht es Euch nicht zu, mich auch nur anzuquatschen“ sagt er. Und dann sagt Ledergesicht noch: „Erklär mal Dummen, dass sie dumm sind, hähä.“ Locke: „Ja, das geht nicht. Dazu fehlt es einfach am Interlekt.“

Zum ersten – und einzigen – Mal müssen der Radler und ich grinsen. Denn eins ist klar: Mit Selbsterkenntnis haben es die beiden nicht so.

Irgendwann kommt die Bahn in Babelsberg an – die Hippies wollen hier raus.
Beim Aufstehen holt Locke aus und tritt mit voller Wucht gegen das Fahrrad des Mannes. Dem platzt jetzt doch noch der Kragen, er folgt Locke zum Ausgang und brüllt ihn an, was er eigentlich für ein Problem habe. Locke wirft sich auf ihn und beginnt sofort, den Radler zu würgen. Der kann sich nicht wehren, denn andere Hippies halten ihn liebevoll fest. Die Radlerin will ihm zu Hilfe eilen, lässt ihr Fahrrad los, es fällt scheppernd zu Boden. Doch Ledergesicht stellt sich ihr in den Weg, schubst sie in die verkeilte Menge, nimmt sich ein Beispiel an Locke und drückt der jungen Frau die Kehle zu. Das hier ist jetzt wahrlich nicht mehr witzig.

Mein Freund und ich stürzen dazu. Ich rufe nach den beiden Security-Leuten, die sich am Anfang des Streits schon aus dem Staub gemacht haben. Kein Passagier kommt zu Hilfe.
Mein Freund wird von weiteren Hippies eingekeilt, gewaltsam festgehalten, bedroht.
Der Radler läuft mittlerweile rot an und beginnt zu röcheln. Ich komme nicht durch zu ihm, rufe weiter nach der Security, versuche stattdessen Ledergesicht und Radlerin auseinanderzukriegen, die sich mittlerweile gegenseitig würgen. Die Radlerin verzweifelt und Ledergesicht mit so viel Ruhe im hassverzerrten Gesicht, dass ich begreife: die macht das weder zum ersten noch zum letzten Mal. Diese Frau ist gefährlich. Auch sonst.

Endlich nähern sich die beiden Security-Leute und Locke wird von den anderen Schläger-Hippies weggedrängt, lässt den Hals des Radlers los. Der bekommt endlich wieder Luft. Aber Locke brüllt noch über die Köpfe seiner Flucht-Gruppe hinweg: „Ich bringe Dich um!“
Der Radler hat einen tiefen, blutigen Kratzer über die Kehle gezogen und der ganze Hals ist dunkelrot angeschwollen. Er ist den Tränen nahe.

Das muss man sich mal reinziehen: Der Mann hatte ganz freundlich um einen Platz für sein Fahrrad gebeten. In einem Fahrradabteil.

In Berlin ein wirkungsloser „Zug der Liebe“, und zwei Züge Hass und Stumpfsinn in Brandenburg. Nur wenig später wird es bei einem Straßenfest in Sachsen einen Toten geben und einen wütenden Mob, eine große, gehirn-, und herzamputierte Zombieapokalypse.

Es ist Sonntag Nacht, und so grandios die Beatsteaks und ihr Publikum waren, heute sind sie nur eine glitzernde Sternschnuppe in einem aufziehenden Armageddon.

(Ulrike Kapfer)